Es folgte der Einstieg in ein BWL Studium, allerdings ohne einen klaren Masterplan in welche Richtung mich dieser akademische Pfad führen sollte. Dieser Status blieb drei Jahre lang unverändert, ohne dass meine latente Orientierungslosigkeit zu nennenswerten Dissonanzen führte: Für einen angehenden Diplomkaufmann war die Palette der Möglichkeiten breit gefächert, schließlich wurde überall irgendwie gewirtschaftet. Irgendwann würde die wegweisende Stunde der Erleuchtung schon kommen – und so war es dann auch:
Eines Tages wurde ich von einem Kommilitonen angesprochen, ob ich nicht eine Praxisexkursion der Studentenorganisation AIESIC zu einer Frankfurter Werbeagentur mitmachen wollte. Das klang spannend und wurde von mir als Abwechslung zu den recht theoretischen Inhalten des Studienalltags gerne angenommen.
Es folgte ein Besuch bei einer Frankfurter Agentur, die nach dem Familiennamen ihres amerikanischen Firmengründers benannt war. Dieser kleine Ausflug in die Main-Metropole entpuppte sich im Nachhinein als Initialzündung für meine spätere berufliche Kariere:
Ich lernte an diesem Tag, dass Werbung nicht nur das Produkt von abgespaceten Kreativen ist, sondern ebenso auf umfassenden Analysen und strategischen Ausarbeitungen basiert, die von gut ausgebildeten, cleveren Beratern erstellt werden. Selbige waren auch für den gesamten Kontakt zu den Auftraggebern der Kampagne zuständig, vom ersten Briefing bis zur finalen Wirkungsanalyse. Ich erkannte recht früh, dass sich hier für mich eine Bandbreite von Aufgaben auftun könnte, die der Artenvielfalt in der Meeresbiologie in nichts nachstehen würde.
Dazu gefiel mir die Agenturatmosphäre: Er herrschte untereinander eine spannende Mischung aus Lockerheit im Umgang und professioneller Entschlossenheit, das Kommunikationsproblem gemeinsam bestmöglich und kreativ zu lösen.
Die Tatsache, dass diese Aufgabe nicht nach einem „nine to five“-Ruhekissen klang, schreckte mich nicht ab: Ich war davon begeistert, einen Karriereweg entdeckt zu haben, der mich nicht in eine Welt von Schlipsträgern, Bilanzen und Zahlenschlachten führte, sondern dort hin, wo – ich gebe es zu – der Job noch ein wenig nach Rock’n Roll klingt, und wo dennoch meine akademischen Kenntnisse gefordert wurden. Später sollte dann übrigens doch die oder andere Zahlenschlacht geschlagen werden, aber den Schlips konnte ich für mich weitgehend abschaffen - immerhin.
Es folgte ein weiterer AIESEC Schnuppertag: Bei diesem Agenturschaulaufen wurde nicht wie bei der ersten Agentur ein Case über eine Kreditkarte vorgeführt, mit der man immer mit seinem guten Namen bezahlt, sondern es ging um die Dachmarkenstrategie eines namhaften Backpulverherstellers aus Ostwestfalen-Lippe. Von diesem Zeitpunkt an wurde mein Ausbildungs-Weg sehr gradlinig: Ich wählte für Hauptstudium und Diplomarbeit das Fach Marketing, befasste mich mit Konsumentenpsychologie und empirischer Sozialforschung. Nach dem Studium schickte ich nach Lektüre des GWA Jahrbuchs etwa 20 Blindbewerbungen für das damals übliche Traineeprogramm an die von mir favorisierten Werbeschmieden:
Eines Tages kam die Einladung zum Vorstellungsgespräch einer amerikanischen Agenturgruppe: Deren Name klang zwar etwas grau, aber sie war vor allem für ihre hohe Beratungskompetenz bekannt. Eine Woche später unterschrieb ich meinen ersten Arbeitsvertrag. Dies sollte bis zum heutigen Tage die einzige Runde an Initiativbewerbungen gewesen sein. Von da an wurde ich immer nur noch abgeworben, ohne dass ich aktiv etwas dazutun musste.
Bei der ersten Agentur blieb ich etwa fünf Jahre, übernahm dann die Verantwortung für den Ableger einer anderen amerikanischen Agentur in Düsseldorf, deren Name sich während meiner Amtszeit dreimal änderte (teils zum Guten), bis sie dann von einer noch größeren Agenturgruppe weltweit geschluckt wurde. Da war ich aber schon bei meinem heutigen Arbeitgeber unter Vertrag. Diesmal ist es eine französisch-stämmige Agenturgruppe - die EURO RSCG - wo ich unter anderem ein Kommunikations-Entwickluns-Center leite, in dem für einen Großkunden Kampagnen für über zehn verschiedene Marken für Deutschland, Europa und teils auch für den weltweiten Markt entwickelt werden. Hier haben wir zusammen allein im letzten Jahr über 40 TV Spots entwickelt und produziert, haben integrierte Kampagnen vom Stapel gelassen, die genauso im Fernsehen, als Anzeigen, im Supermarkt oder im Internet funktionierten und haben zur Befriedigung unserer Egos für eine besonders kreative Idee einen Cannes Löwen und den deutschen Mediapreis gewonnen. Hurra!
Bis heute kann ich fast ohne Einschränkung behaupten, dass ich jeden einzelnen Tag gerne zur Arbeit gegangen bin: Ich habe für meine Kunden in Flugzeugprototypen probegesessen, Schaumweine und Biervarianten degustiert, ich habe Präsentationen in Lissabon, Istanbul, Paris, London oder in Ettlingen im Vorschwarzwald gehalten, habe Filmprojekte mit Modedesigerinnen oder Schauspiel-Ikonen begleitet, hab Vorträge bei Unternehmensberatern gehalten, hatte einen live Auftritt in den 12 Uhr Nachrichten, habe mit meinen Kunden und Kreativkollegen in Südafrika nachts im Busch einen Filmdreh überwacht, habe Kampagnen betreut für Software aus Deutschland, Mobiltelefone aus Korea, ein koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk aus Atlanta, Kosmetik aus Frankreich oder Schokolade aus Belgien. Jeder Tag ist anders, jeder Kunde ist anders, und auch unser Kommunikations-Instrumentarium unterliegt einem ständigen Wandel. Früher war das Fernsehen das Maß aller Dinge, heute findet im Medienmarkt eine stetig fortschreitende Fragmentierung statt, was nach ständig neuen Kommunikationslösungen verlangt, immer wieder wird man zum Pionier für neue Ideen.
Ach so: „Ich, ich, ich!!“ – wer in der Werbung Erfolg haben will, sollte sicher nicht an Selbstzweifeln leiden - dennoch sind auf lange Sicht Berater und Kreative von einander so abhängig wie siamesische Zwillinge: Wer nicht im Team spielen mag oder kann, sollte besser etwas anderes machen. Ansonsten ist der Beruf des Werbers eine Wundertüte, aus der ständig etwas Neues herauskommt. Wer den Kapitalismus in seinen Grundzügen nicht ablehnt, wer Lust auf Abwechslung, Bewegung und Vielfalt hat sowie intellektuelle Herausforderungen nicht scheut, ist bei den führenden Kommunikations-Agenturen genau richtig und kann auch viel zurückbekommen!