Ein Tag aus dem Leben eines
Art Directors

Uli Happel ist Creativ Director bei der Frankfurter Agentur Damm&Bierbaum
Im Prinzip dürfte das Arbeitsleben eines Art -Direktors den meisten Leuten aus den Medien bekannt sein: Teure Autos, jede Menge Flugreisen an die schönsten Orte dieser Erde, tolle Frauen und natürlich ein schicke s Loft im besten Viertel der Stadt. Wie bei den meisten Klischees findet sich hier sogar ein Körnchen Wahrheit. In den letzten Jahren war ich tatsächlich einige Male auf großen Shootings in Südafrika, Spanien oder an anderen netten Reisezielen. Meine Miles&More -Karte gibt eigentlich immer mindestens einen Freiflug her und man trifft wirklich eine Menge netter Mädels in der Werbung (unter anderem meine Freundin). Der Arbeitsalltag ist allerdings weit weniger glamourös.
Meiner findet im Moment in einer inhabergeführten, mittelständischen Kommunikationsagentur statt. Zusammen mit etwas mehr als 40 netten Kollegen machen wir das, was man gemeinhin als Werbung bezeichnet. Dazu gehören natürlich bunte Anzeigen und Kampagnen als Königsdisziplin, aber auch die Niederungen des Berufs sind oft vertreten: Kastenstecker, Flyer und andere kleine Jobs sind eher die Regel als die Ausnahme. Jeder Arbeitstag beginnt im Prinzip gleich: Mit dem festen Vorsatz, heute pünktlich um neun ins Büro zu kommen. Meistens wird es dann aber doch ein paar Minuten später.
9.12 Uhr: Mein Weg führt direkt aus der Tiefgarage in die Küche. Dort erwartet mich eine große, freundliche Tasse Kaffee. Nicht lecker, aber wirkungsvoll.
9.13 Uhr: Der Weg zu meinem Platz führt am Postfach vorbei. Drei Teile Werbung, ein Teil Verwertbares. Viele Fotografen denken, man würde sie sofort für eine nationale Kampagne buchen, weil sie mal eine Postkarte mit einem Bild geschickt haben.
9.15 Uhr: An meinem Tisch angekommen, starte ich sofort Photoshop. Auf dem Weg zur Arbeit hatte ich eine Idee für den Titel einer kleinen Broschüre, die wir gerade bearbeiten. Bevor der Trubel richtig losgeht, will ich am Rechner ein wenig ausprobieren. Nicht alles, was man sich im Auto ausdenkt, sieht später auch gut aus.
9.16 Uhr: Schade. Noch bevor das Programm offen ist, steht bereits unsere Trafficerin mit einem Stapel Reinzeichnungen vor mir. Natürlich ist alles wieder extrem wichtig und muss sofort erledigt werden. Das behauptet allerdings auch die Beraterin, die zeitgleich aufgetaucht ist. In einem Dokument von gestern ist ihr ein Fehler aufgefallen. Das neue PDF muss in einer halben Stunde bei der Kundin vorliegen. Außerdem klingelt gerade das Telefon.
9.20 Uhr: Langsam wird es lauter im Großraumbüro. Die Leute haben ihren ersten Kaffee hinter sich. Zwei Junioren fragen nach Arbeit. Im Prinzip ist mehr als genug zu tun aber ich muss mich erst sortieren. Das wichtigste Ritual am Morgen: E -Mails lesen. Viele wichtige und dringende Jobs verstecken sich manchmal hinter ein paar lapidaren Zeilen.
10.00 Uhr: Um die Reinzeichnungen zu korrigieren, habe ich mich in einen Konfi verzogen. Hier ist Sorgfalt gefragt. Selbst kleinere Fehler können dramatische Folgen haben. Wenn die Broschüre gedruckt ist, gibt es kein Zurück mehr. Auch dieses Mal gibt es ein paar Unklarheiten. Ich laufe direkt in den vierten Stock, um mit der Produktionerin darüber zu reden. Oben angekommen laufe ich einem Lithografen in die Arme. Die Proofs für unser Kampagnenshooting von letzter Woche sind da. Das liegt mir natürlich sehr am Herzen. Die schönsten Fotos sind ohne eine gute Bearbeitung nichts wert.
11.00 Uhr: Zurück am Platz. Die dringendsten Brände sind gelöscht. Eigentlich wollte ich ja meine Idee ausprobieren. Allerdings sind in der letzten Stunde etliche Mails angekommen – unter anderem die Einladung zu einem Statusmeeting. Für 11 Uhr.
11.45 Uhr: Zurück aus dem Status finde ich auf meiner Tastatur die überarbeiteten Reinzeichnungen von heute Morgen. Meine Korrekturen sind ausgeführt – dafür hat sich ein neuer Fehler eingeschlichen. Ich laufe in den vierten Stock.
12.10 Uhr: Die Reinzeichnungen sind freigegeben und die 12-Uhr-Esser aus dem Haus. Jetzt habe ich ein wenig Ruhe, um an meinem Broschürentitel zu basteln.
14.10 Uhr: Der Titel ist sehr hübsch geworden und ich hatte sogar noch Zeit, eine Kleinigkeit essen zu gehen. Jetzt sitzen wir mit fünf Leuten im großen Konferenzraum und bekommen ein Briefing für eine Produktneueinführung. Noch ist alles offen: Es werden eine Positionierung, Name, Logo und auch schon erste Kommunikationskonzepte gesucht. Der Termin ist allerdings relativ eng. In einer Woche findet die erste Präsentation beim Kunden statt.
15.50 Uhr: Nach dem Briefing haben wir - eine Texterin, eine Art-Direktorin und ich – das weitere Vorgehen besprochen und auch schon ein paar erste Ideen gesammelt. Wenn die Informationen noch frisch sind, klappt das meistens am besten. Allerdings klingelt schon wieder mein Telefon. Dieses Mal ist es wichtig: Ein Berater fragt nach seinen Broschürenlayouts. Die müssen nämlich heute Abend fertig sein. Gar nicht so einfach, die Termine von fünf verschiedenen Kunden im Überblick zu behalten.
17.20 Uhr: Die Broschüre ist fertig. Das Layout hatten wir letzte Woche schon gemacht und der Texter mochte meine Titelidee. Mit einer guten Line ist das Ganze jetzt noch mal stärker geworden. Ein paar Kleinigkeiten haben wir noch mit der Beratung zusammen optimiert. Allerdings versuche ich immer noch, vernünftige Farben aus dem Drucker zu bekommen. Je nach Tagesform sieht nämlich jeder Ausdruck anders aus. Heute ist zur Abwechslung alles rotstichig.
17.45 Uhr: Meine Ausdrucke habe ich dem Praktikanten in die Hand gedrückt. Der wird daraus hoffentlich einen ansehnlichen Dummy kleben. Der Kurier ist für halb sieben bestellt. Jetzt warte ich gemeinsam mit einer Beraterin auf einen Kunden, der auf dem Heimweg bei uns vorbeischauen wollte. Der Kostenvoranschlag für ein Shooting ist relativ hoch ausgefallen. Das besprechen wir lieber gemeinsam an einem Tisch, sonst fällt der Kunde vom Stuhl, wenn er die E-Mail öffnet. Zur Sicherheit haben wir die Mappe des Fotografen dabei.
18.20 Uhr: Der Kunde ist wieder weg. Obwohl er die Mappe sehr gut fand, hat er die Kosten nicht freigegeben. Morgen früh muss ich das Honorar neu verhandeln oder einen anderen Fotografen suchen.
18.40 Uhr: Der Broschürendummy hat etwas länger gedauert. Dafür platzt der Praktikant fast vor Stolz. Die Beratung steht schon am Empfang und hält Smalltalk mit dem Kurierfahrer. Als er mit dem Umschlag in der Hand die Agentur verlässt, bin ich erleichtert. Für heute war das genug.
