Ein Tag aus dem Leben eines Beraters

Giovanni Speranza ist Teamleiter Beratung bei Bartenbach & Co. Den unten angeführten Text verfasste er als Berater in der mittelständischen Marken-Agentur mv brand.
Obwohl einige Kunden bereits in meiner „Anrufe in Abwesenheits-Liste“ stehen, behaupte ich, dass mein Arbeitstag zu einer „humanen“ Uhrzeit beginnt. Um neun Uhr sollte ein motivierter Berater seinen durchaus in die Jahre gekommenen PC hochfahren und bereits zwei oder auch drei blöde Sprüche auf Kosten der Kunden gemacht haben. Ich persönlich nenne dies Warmschießen.
Mein Name ist Giovanni Speranza ich bin 27 Jahre alt und ich bin Berater in einer mittelständigen Agentur mit rund 55 festen Mitarbeitern. Unsere Agentur teilt sich in zwei Kompetenzbereiche auf – „Marke und Verkauf“. Oder: „Brand und Sales“ - um es im coolen Agenturjargon zur Sprache gebracht zu haben.
Der Sales Bereich konzipiert, organisiert und plant personalgestützte Verkaufsförderungsaktionen (Sales Promotions) und Schulungen für Fachhändler– in einem Satz gesagt: Unsere Sales Abteilung fokussiert den direkten Verkauf! Das Ergebnis ihrer kommunikativen Maßnahmen kann man messen, wiegen und zählen.
In Zeiten, in denen „Return on Investment“ mehr als nur groß geschrieben wird, ist genau dies gefragt. Dementsprechend ist der Sales Bereich auch aktuell ausgelastet. Ja, und was machen wir? Brand! Wir sind die klassischen aller klassischsten Werbekaufleute. Wir scribblen, brainstormen, layouten, meeten, drucken, präsentieren, telefonieren viel, verhandeln und ja, manchmal lügen wir auch. Wir sind die Markenmacher und -wächter zugleich.
Wir sind für das äußere Erscheinungsbild einer Marke zuständig. Wir sind die gesammelte Theorie, die hinter dem einfachen Impulskauf an der Kasse eines Supermarktes steht. Mit dem einzigen Unterschied, dass MV Brand keinen einzigen Kunden aus dem Konsumgüter-Bereich hat.
Die Theorie jedoch bleibt die Selbe. Ein Kunde von MV Brand, insbesondere mein Kunde, ist ein weltweiter Automobilzulieferer, der ausschließlich auf Business-to-Business Ebene kommuniziert. Die Car-Entertainment Handelsmarke dieses Kunden eröffnet mir die Möglichkeit, auch Business-to-Consumer Maßnahmen zu konzipieren. Das ganz große B2C-Kino ist das allerdings nicht – da, wie so oft, kundenseitig kein Budget zur Verfügung steht. Fehlendes Marketing-Budget ist aber ein eigenes Thema, welches ich an dieser Stelle nicht anstrengen möchte.
Dienstag, 9.04 Uhr: Die Proofs des aktuellen Car-Entertainment Kataloges liegen bereits zum finalen Check auf meinem Tisch. Die Art Direktion und unser Texter haben sie schon gecheckt und abgezeichnet. Jetzt fehlt nur noch meine Freigabe. Diese Aufgabe kann ich nach grober Prüfung meiner Assistenz geben. Sie ist dieser Hinsicht weitaus akribischer als ich.
9.09 Uhr: Während meines viel zu schwachen und bitteren Kaffee’s lese ich die To-Do-Liste für den heutigen Tag und stelle fest, dass gestern erwartungsgemäß einiges liegen bleiben musste. Warum erwartungsgemäß? Wegen Problem Nummer Eins: Zwei Art Direktoren haben ihren längst überfälligen Erholungsurlaub angetreten und die DTP’lerin hat die Grippe, die übrigens jeden in der Agentur mal zu treffen scheint.
9.14 Uhr: Nach Aktualisierung der To-Do-Liste habe ich mit unserer Produktion, die sich auch um die Einkäufe freier Mitarbeiter kümmert, darüber gesprochen, wie wir den aktuellen Kapazitäten-Engpass überbrücken. Wir sind nach anfänglichen monetären Diskrepanzen, welche meinen DB Drei (Deckungsbeitrag) betreffen, zu einer Einigung gekommen. Bekomme bis 12 Uhr bescheid ob ich für den Rest der Woche einen freien Grafiker zugeteilt bekomme, welcher meine offenen Jobs bearbeitet.
10.20 Uhr: Meine Assistentin hat keinen Fehler im Proof gefunden – Freigabe erteilt. Der Katalog geht nun in den Druck.
10.32 Uhr: Bespreche den ersten Textentwurf für einen Newsletter mit dem Texter. Aus meiner Sicht ist der Text in Ordnung und kann in unser bereits bestehendes Layout eingebaut werden. Womit wir wieder bei Problem Nr. Eins wären.
10.45 Uhr: Nach dem Lesen einer sehr forschen und scharf verfassten Email von einem meiner Ansprechpartner auf Kundenseite bin ich bereits jetzt reif für den Feierabend. Problem Nr. Zwei: Kunde ist gänzlich unzufrieden mit der Ausarbeitung eines sechsseitigen Flyers. Sowohl Layout als auch Text seien gänzlich nicht gebrieft. Krisensitzung einberufen.
10.48 Uhr: Kaffee ist alle.
11.23 Uhr: Alle Projektbeteiligten des Sechsseiters haben sich in einem unserer Meeting-Räume eingefunden und erörtern dort das Problem, welches der Kunde mit dem Flyer zu haben scheint. Ein Schlachtplan wird zurechtgelegt um die Darstellung des Kunden zu relativieren – zumindest zu beschwichtigen.
12.43 Uhr: Nach Prüfung des Kundenfeedbacks ist uns aufgefallen, dass Anmerkungen des Kunden sich auf technische Inhalte beziehen. Diese wurden laut Briefing im Vorhinein ausgeklammert, da es im ersten Entwurf lediglich um das Layout und Anordnung der Textabschnitte gehen sollte. Somit ist die Kritik des Kunden, aus unserer Sicht, ungerechtfertigt. Um dies zum Ausdruck zu bringen verfasse ich eine „politisch korrekte“ Email, in der ich den Agenturstandpunkt vertrete und den Kunden darüber informiere, dass wir die aktuelle Version nach seinen Wünschen überarbeiten und schnellstmöglich liefern werden.
13.20 Uhr: Bestelle mir ein leckeres Tiefkühlessen in der Kantine.
13.25 Uhr: Während ich auf mein Essen warte lese ich die Email aus unserer Produktion, dass mir Bettina als freie Grafikerin ab morgen früh zur Verfügung steht. Ein Sonnensschein. Arbeitet sauber, schnell und unkompliziert. Der Tag scheint eine positive Wendung zu nehmen. Lösung des Problems Nr. Eins. Zeit für eine kurze Auszeit auf dem Fatboy. Die „W&V“ und „Elf Freunde“ lassen mich für eine gute halbe Stunde vergessen, was bisher passiert ist. Bin entspannt.
13.50 Uhr: Dafür dass es Kantinenessen ist, schmeckt es annehmlich.
14.00 Uhr: Ein neues Briefing. Die 52-seitige Ersatzteil-Broschüre soll grafisch und inhaltlich angepasst werden. Eigentlich ist dies wie Malen nach Zahlen. Man nehme die Broschüre des letzten Jahres füge ein paar neue Produkte hinzu und schon ist die Broschüre 2007 fertig. Eigentlich einfach. Wenn da nicht der Faktor Erwartungshaltung des Kunden wäre, der natürlich mit einer gestalterisch völlig neuartigen Broschüre rechnet aber nur die im Vorhinein angebotene Überarbeitung zahlen will. Solche Projekte sind zum Scheitern verurteilt. Warum? Überarbeiten wir die Broschüre wie angeboten – ist dies dem Kunden zu wenig. Entwickeln wie die Broschüre neu – steht das Angebot in keiner Relation zum Aufwand. Es lebe das Minimalmaximal-Prinzip.
14.05 Uhr: Ich erstelle nun mit meiner Assistentin das Rebriefing, Timing und das obig angedeutet Angebot für die Broschüre.
15.23 Uhr: „Es besteht kein Zweifel daran, dass ich ein guter Kontakter bin. Ich bin ein sehr guter Berater. Wir sind eine fantastische Agentur“ Ich sage es mir immer wieder bevor ich bei meiner Ansprechpartnerin anrufe um, nach meiner relativierenden Antwort-Email, Problem Nr. Zwei aus dem Weg zu räumen. Tief durchatmen und durch.
15.49:52 Uhr: „Ciao, bis morgen“
15.50 Uhr: Zum Telefonat: Die Kundin war anfangs noch sehr genervt. Mein subtiler Charme und das positive Einreden haben sie jedoch beschwichtigt. Die von mir vorgeschlagene Vorgehensweise ist zu 100 Prozent angenommen worden. In der Prioritätenliste ist das Projekt nun auf Eins a*** (mit drei Sternchen). Bettina wird sich dessen morgen annehmen.
15.55 Uhr: In fünf Minuten bekomme ich die ersten Ideen für ein bereits letzte Woche vom Kunden gebrieftes, Kommunikationskonzept für eine Produkteinführung eines portablen Navigationssystems. Text und Konzeption bringen hoffentlich Kekse zum Meeting mit.
18:15 Uhr: Auch wenn es keine Kekse gab, waren die Ideen durchweg gut. Eine jedoch war sehr gut. Das erspart uns einen zweiten kreativen Anlauf. Somit kann die Kreation, also Bettina, morgen bereits unsere drei favorisierten Ideen für die Präsentation scribblen.
18:25 Uhr: Das Nachbarbüro baut die Zelte ab. Das werde ich nun auch tun.
18:30 Uhr: Nach Aktualisierung meiner To-Do-Liste fahre ich nun meinen PC runter. Bereite noch alle Briefing-Unterlagen für Bettina vor und der Arbeitstag ist beendet.
