Produktioner: oder wer sorgt für den Druck?

Der Produktioner einer Agentur stellt nichts selbst her, wie es seine Bezeichnung eigentlich vermuten lässt, vielmehr ist er Projektmanager. Er ist Steuermann ...

... des gesamten technischen Herstellungsprozesses eines Printprodukts innerhalb der Agentur. Zudem fungiert er als Schnittstelle zu den externen Dienstleistern wie der Druckvorstufe und en Druckereien, die die Produktion in ihrem eigentlichen Wortsinn tatsächlich ausführen. Er ist der technische Berater der Agentur (Beratung und Kreation), oder, wie Anja Söhlke in ihrem Buch „Keine Angst vor großem Druck“ schreibt, ist er „ein Mittler zwischen Agentur und Lieferanten. Jede Realisierung einer Werbeidee, alles wird von dem Produktioner gesteuert. Zu seinen Aufgaben gehört die Recherche, die Beschaffung, die Kalkulation, die Auswahl der richtigen Lieferanten und die Rechnungsprüfung.“

Der Produktioner hat agenturintern und zum Kunden eine beratende Funktion, was die Machbarkeit beziehungsweise technische Umsetzung von Kreation ...

... von Printprodukten angeht. Dazu bedarf es spezifischen Know-hows. Der Produktioner muss wissen, was sich technisch in der gewünschten Zeit, Qualität und Budget realisieren lässt. Nach Auftragsvergabe steuert und überwacht er den gesamten Herstellungsprozess und koordiniert die Arbeitsabläufe aller beteiligten Lieferanten im Sinne eines optimalen Timing, gewünschter Qualität und Budgeteinhaltung.

Produktioner sind Generalisten und Spezialisten zugleich ...

... sie kennen sich nicht nur mit den unterschiedlichen Druckverfahren (wie etwa Offset-, Flexo- und Tiefdruck) sowie allen dazugehörenden Verarbeitungstechniken und -möglichkeiten aus, sondern beherrschen auch die Produktion von Werbemitteln unterschiedlichster Disziplinen. So stellt die Produktion einer Anzeige völlig andere Anforderungen als etwa ein Display, das als Modul einer Verkaufsförderungsaktion am Point of Sale dienen soll.

Wieder andere Faktoren sind bei Werbebriefen beziehungsweise Mailings zu berücksichtigen ...

... wo sich der Produktioner etwa auch mit den postalischen Bestimmungen der Brief- oder Paketbeförderung auskennen muss, um die entsprechenden Drucksachen bereits möglichst portooptimiert herzustellen. Nicht zuletzt dient ihm sein Wissen um Marketing und Betriebswirtschaft dazu, die Anforderungen von Kunde und Kreation verstehen zu können und in ihrem Sinn die optimalen Produktionslösungen für die einzelnen Aufgaben zu finden.

Das hört sich alles nach Administration und Langeweile an ...

... Andreas Rist von der Produktionsagentur Productionlounge kann diesem Vorurteil jedoch nicht viel abgewinnen. Der Job sei vielmehr sehr abwechslungsreich und irgendwie immer wieder neu ist. „Auch wenn sich die technischen Spezifikationen einzelner Jobs häufig gleichen, stellen sie doch immer wieder gänzlich unterschiedliche Herausforderungen, bedingt durch den Kontext der einzelnen Aufträge“, sagt Rist. Die besondere Schwierigkeit sieht Rist darin, alle nötigen Informationen für die jeweilige Aufgabe zu generieren, und das in einem äußerst engen Zeitrahmen. „Geht es um produktionsrelevante Informationen, scheint die ganze Welt eine andere Sprache zu sprechen als der Produktioner“, sagt Rist. Zu seinem Berufsalltag gehört entsprechend das Einfordern und Vervollständigen der gesamten Auftragsinformationen.

Das Zeitproblem basiert oft auf einem ausgedehnten Prozedere ...

... vor Produktionsbeginn, das der technischen Umsetzung wertvolle Tage, manchmal auch nur entscheidende wenige Stunden raubt. Produktioner wünschen sich früher in Projekte involviert zu werden und im Projektvorfeld stärker beraten zu können, um später weniger die Feuerwehr spielen zu müssen. Der ganze Stress hat eine Ursache auch in den spezifischen Charaktereigenschaften der beteiligten Personen. Werber denken kreativ und chaotisch. Das Gefühl für Zeit und Struktur hat dabei eine nur stark untergeordnete Relevanz. Das Endprodukt jedoch entsteht erst durch eindeutige Informationen und akribische Detailarbeit. Soziale und kommunikative Kompetenz darf somit als weiterer Anspruch an den Produktioner aufgeführt werden, sagt Heinrich Temesváry, der als freier Produktioner arbeitet.

Sven Müller, der ebenfalls bei der Produktionsagentur Productionlounge arbeitet, erklärt, dass ...

... sich mit dem Wandel der Druckindustrie auch ihre Tätigkeit entsprechend stark verändert hat. Der Umgang mit Daten und das entsprechende Know-how haben vehement an Bedeutung gewonnen. Ging es ehemals fast ausschließlich um physisches Handling und dessen Begutachtung, ist dieser Aspekt besonders in der Druckvorstufe stark in den Hintergrund gerückt. Produktioner sind durch den Wandel der Informationstechnologie auch so etwas wie Datenlogistiker geworden. Daten sicher zu transportieren (sicher in dem Sinne, dass die Daten unverändert beim Empfänger ankommen) und sie von Grund auf so anzulegen, dass sie ohne oder mit nur geringem Aufwand medienübergreifend verwendet werden können, sind neue, gängige Anforderungen an den Produktioner. Bis vor wenigen Jahren hatte er noch das „magische Wissen“, wie aus den vom Kunden frei gegebenen Arbeitsergebnissen der Kreation beispielsweise gedruckte Anzeigen wurden.

Er hatte den Geheimnis umwitterten Zugang zur Druckerei und wusste, was diese Handwerker benötigen, um die gewünschten Ergebnisse tatsächlich auch zu erreichen. Ein Wissen, das den meisten anderen Mitarbeitern der Agentur immer wenigstens im Detail unverständlich und geheimnisvoll erschien. Diese Geheimnisse sind beseitigt und der Weg zum gedruckten Endprodukt ist dank weitgehender Standardisierung vermeintlich sehr viel einfacher geworden. Color-Management und PDF-Normen dienen heute als Garanten für gleichmäßige Daten- und Druckergebnisse, gleich ob in Hamburg oder München, Italien oder Hong Kong gedruckt wird – jedenfalls theoretisch. Praktisch wird geflissentlich unterschlagen, dass viele sich gerne um Normen herumschlängeln und gleichzeitig die meisten Normen technisch flexiblen Einflüssen unterliegen (wie etwa die Temperatur der Druckfarbe oder unterschiedliche Papierchargen) und Menschen involviert sind, die über unterschiedliche Tagesformen und unterschiedliches Know-how verfügen.

Dies alles sind Faktoren, die der engagierte Produktioner berücksichtigt, bei denen er beratend zur Seite steht und permanent überwacht und eingreift, um den Herstellungsprozess auf Kurs zu halten. Normen und technische Entwicklungen haben Produktionsabläufe und -ergebnisse schneller und konstanter gemacht. Gleichzeitig zwingen gestiegene Ansprüche und Vorstellungen von Kunde wie Kreation permanent die Grenzen der technischen Machbarkeit immer weiter auszudehnen. Dabei sollte der Produktioner nicht nur das Gesamtprodukt im Auge zu haben, sondern Arbeiten auch im Detail immer wieder auf Fehler zu prüfen, zu korrigieren und allgemein verbindliche Prüfdrucke wie farbverbindliche Proofs den relevanten Beteiligten zur Verfügung zu stellen beziehungsweise für die folgenden Arbeitsschritte genehmigen zu lassen sowie die Dokumentation des gesamten Jobverlaufs.

Die Aufgaben des Produktioners und aller am Produktionsprozess Beteiligter werden sich wie der gesamte Produktionsprozess weiter verändern ...

... die einzelnen Herstellungsschritte werden offener für Eingaben von Nichtfachkräften. Heute schon üblich etwa bei der Erstellung von Händleranzeigen nach einem Baukastensystem, wo der Endkunde von seinem Schreibtisch aus Online Eingabemasken mit seinen individuell gewünschten Daten ausfüllt und bearbeitet und sich so „seine“ Handelsanzeige ohne gestalterisches oder drucktechnisches Fachwissen selbst professionell erstellt. Der Produktioner, in Tuchfühlung mit den Gegebenheiten, dient als Katalysator der weiteren Entwicklung im breiten Spektrum des medienübergreifenden Herstellungsprozesses.